Tag für Tag
Tag für Tag
Stehe ich auf, ziehe mich an, nähre meine Körper und torkel in die Welt hinaus.
Tag für Tag
Sitze ich vor dem leuchtenden Bildschirm im Büro und bin geblendet.
Tag für Tag
Setzte ich einen Fuß vor den anderen, gehe hierhin, fahre dorthin, atme ein, atme aus.
Tag für Tag
Wiederholt sich mein Tag und ich sitze da, und träume.
Pulpo in Padrón
Ich ließ meinen Blick durchs Zelt gleiten und blieb an zwei älteren Männern hängen, die sich unterhielten. Sie saßen sich gegenüber, aßen Pulpo und tranken roten Wein aus kleinen Schalen. Ihre Gesichter zierten glückliche Falten um die Augen…
Vorwort
2018 begab ich mich auf einen Weg, der mich nachhaltig verändert hat. Als die Abschlussarbeit im Kommunikationsdesign plötzlich bevorstand, stand gleichzeitig die Frage im Raum, welchem Bereich ich mich widmen und welches Thema es werden würde. Schon die ganze Studienzeit über begleitete mich ein roter Faden, der sich durch alle Bereiche hindurch schlängelte: das Thema Reisen. So, wie ich bin, kam es nicht in Frage, mir nur was auszudenken und 6 Monate lang Zuhause zu hocken. Ich wollte was erleben. Auch kristallisierte sich in den Jahren, während ich Kommunikationsdesign studierte, meine Faszination für Buch- und Magazingestaltung heraus, und so war klar, dass meine Abschlussarbeit drei Bereiche vereinen würde: das Reisen, ein Magazin und Fotografie (an die ich mein Herz seit dem 15. Lebensjahr verlor). Ich begab mich auf den portugiesischen Jakobsweg, um das Land Portugal anhand der Menschen und ihrer Geschichten zu porträtieren. Dieser ereignete sich, als ich bereits die grenze zu Spanien passiert hatte.
Die kleine Stadt Padrón im spanischen Galicien ist berühmt für ihre kleinen Pimentos de Padrón. Ein paar Tage zuvor lernte ich Carmen kennen, die mich auf dem letzten Teil des Jakobwegs begleitet hat. Wir sind zwar nicht jeden Tag zusammengewandert, trafen uns aber immer spätestens bei der Unterkunft. An jenem Tag waren wir mit ihren beiden Freunden, mit denen sie ihren Weg gestartet hatte, auf dem Markt in Padrón verabredet. Auf der Suche nach der berühmten Pimentos Marmelade, trieben wir uns auf einem Markt herum, wo es massig Pulpo, also Tintenfisch, zu kaufen gab. Der Grillgeruch lag in der Luft und weckte den Hunger bei Benny, einem der Freunde von Cami. Kein fünf Minuten später befanden wir uns in einem der Zelte und warteten auf die Leckerei. Zugegeben, zu diesem Zeitpunkt konnte ich mit dem achtfüßigen Freund noch nichts anfangen, während Benny es kaum erwarten konnte, sich diese Köstlichkeit einzuverleiben. Als wir da so standen und warteten, ließ ich meinen Blick durchs Zelt gleiten und blieb an zwei älteren Männern hängen, die sich unterhielten. Sie saßen sich gegenüber, aßen Pulpo und tranken roten Wein aus kleinen Schalen. Ihre Gesichter zierten glückliche Falten um die Augen, jene, die man als Krähenfüße bezeichnet und mir sagen, dass man viel gelacht hat in seinem Leben. Und irgendwie hatten sie etwas »jungenhaftes« an sich. So, als wären sie gar nicht so alt. Mein Fotodetekor sprang an und ich wollte diesen Anblick so gerne festhalten, wäre da nur nicht meine Unsicherheit gewesen, die sich mir in den Weg stellte. Ich erzählte Carmen von meiner Entdeckung und meinem fehlenden Mut. Carmen, die keine Scheu hegt und zudem auch fließend spanisch sprechen konnte, schubste mich liebevoll in deren Richtung und keine Minute später standen wir dann auch schon vor den beiden Herren. Ich machte meine Fotos und wir kamen kurz in Gespräch. Glücklich über die Bilder, wollten wir uns dankend wieder verabschieden, doch die beiden wollten uns nicht gehen lassen und luden uns zum Weintrinken ein, um uns näher kennenzulernen. Ein Nein wurde nicht akzeptiert und so saßen wir kurze Zeit später alle zusammen am Tisch und unterhielten uns.
Laurenzio (rechts vom Tisch), hatte vom vielen Wein bereits leicht einen sitzen. Immer wieder erhaschte ich, wie er mich nicht aus dem Blick ließ. Fernando und Laurenzio, beide geboren in Padrón, lernten sich 1964 im Militär kennen und sind seitdem gute Freunde geblieben. Laurenzio hatte einen hohen Posten im Militär, wo er seinem Kumpel ebenfalls eine gute Position verschaffte. Nach Jahren treuer Dienste für ihr Land hatten sie gemeinsam viel erreicht. Doch nun, da ihre militärische Laufbahn ein Ende fand, standen sie vor einer wegweisenden Entscheidung: Wie sollten sie ihr Leben jenseits der Uniform gestalten? Es war noch jene Zeit, in der man einen Beruf anfing und ihn dann meist bis ins Rentenalter ausübte. Tatsächlich trennten sich vorerst ihre Wege, doch der Kontakt blieb erhalten. Laurenzio zog nach Barcelona, wurde Taxifahrer, heiratete und bekam Kinder, die nun auf der ganzen Welt zerstreut sind, wie er uns ganz stolz berichtete. Fernando blieb in Padrón und wurde Tischler. Auch er heiratete und bekam Kinder. Dann schweifte er weiter in die Vergangenheit ab und musste lachen, als die Erinnerungen an seine Kindheit zurückkehrten – an die Tage, an denen er mit seinen Freunden auf dem Platz in der Nähe spielte und sich regelmäßig vor der Maisernte drückte, nur um das Spiel nicht unterbrechen zu müssen. Jetzt, knapp 70 Jahre später, sitzen sie hier und genießen das Leben. Sie machen einen Roadtrip und fahren durch die ganze Gegend um Padrón herum. Laurenzio hat hier noch eine Ferienwohnung, die er nutzt, wenn er von Zeit zu Zeit heimkehrt und dabei Fernando besucht, um in Erinnerungen zu schwelgen.
Ich wollte wissen, ob die beiden sowas wie beste Freunde wären. Fernando sah seinen Freund an und antwortete mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht: »Er ist cool, aber immer Betrunken.« Denn beim Roadtrip darf immer Fernando fahren, während sein Freund sich genüsslich den Wein schmecken lässt. Der angetrunkene Laurenzio ließ sich aber darauf gar nicht erst ein. Sein Blick blieb unverändert auf mich gerichtet, und schließlich übersetzte Carmen, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, seine Worte: Wäre er in meinem Alter, würde er mich heiraten wollen. Ich winkte peinlich berührt ab und wir kamen langsam zu einem Ende – nach fast zwei Stunden, die mittlerweile vergangen waren. Fernando gab uns noch seine Adresse, denn er würde sich freuen, wenn wir ihm schreiben würden. Er erzählte von einem weiteren Brieffreund, der ihm auf englisch schreibt. Auch, wenn er nichts versteht: Er freut sich einfach, dass da jemand ist, der ihm aus einer anderen Welt schreibt. Und ganz plötzlich entstand aus einer spontanen Begegnung eine schöne Geschichte. Eine Geschichte einer Freundschaft.
»Jeder Mensch ist etwas Besonderes.«
Nun, da stand ich. Es war Anfang April. Der Frühling schwebte in der Luft und die ersten warmen Sonnenstrahlen umarmten die Menschen Lissabons. Ich strandete im verträumten Viertel Alfama vor einem niedlichen Kunstladen, der schnell mein Interesse weckte.
Vorwort
2018 begab ich mich auf einen Weg, der mich nachhaltig verändert hat. Als die Abschlussarbeit im Kommunikationsdesign plötzlich bevorstand, stand gleichzeitig die Frage im Raum, welchem Bereich ich mich widmen und welches Thema es werden würde. Schon die ganze Studienzeit über begleitete mich ein roter Faden, der sich durch alle Bereiche hindurch schlängelte: das Thema Reisen. So, wie ich bin, kam es nicht in Frage, mir nur was auszudenken und 6 Monate lang Zuhause zu hocken. Ich wollte was erleben. Auch kristallisierte sich in den Jahren, während ich Kommunikationsdesign studierte, meine Faszination für Buch- und Magazingestaltung heraus, und so war klar, dass meine Abschlussarbeit drei Bereiche vereinen würde: das Reisen, ein Magazin und Fotografie (an die ich mein Herz seit dem 15. Lebensjahr verlor). Ich begab mich auf den portugiesischen Jakobsweg, um das Land anhand der Menschen und ihrer Geschichten zu porträtieren.
Nun, da stand ich. Es war Anfang April. Der Frühling schwebte in der Luft und die ersten warmen Sonnenstrahlen umarmten die Menschen Lissabons. Ich strandete im verträumten Viertel Alfama vor einem niedlichen Kunstladen, der schnell mein Interesse weckte. Ich ging rein und fasste all meinen Mut zusammen, den ich besaß, die Inhaberin nach ihrer Story zu fragen. Alexandra Pinto Rebelo schenkte mir ein Lächeln. Während sie mir erzählte, wie es zu ihrem süßen Laden kam und was die Kunst für sie bedeutet, fotografierte ich ganz gebannt Alexandras Laden. Ihre Geschichte berührte mich, so dass ich sie bat, sie mir per E-Mail zukommen zu lassen für mein Magazin. Ihre Geschichte möchte ich teilen. Überhaupt möchte ich Geschichten teilen, die mich berühren. Die mich inspirieren. Die das Leben lebenswert machen.
Alexandra: In Portugal hatten wir vor fünf Jahren eine Wirtschaftskrise und zu dem Zeitpunkt habe ich mei- nen Job als Lehrerin verloren. Obwohl ich an der Universität portugiesische Literatur studiert hatte, hatte ich zum Glück immer ein Talent zum Malen. Da ich nun ohne Job da stand, musste ich etwas tun. Also habe ich vor drei Jahren beschlossen, meine eigene kleine Kunstgalerie zu eröffnen. Ich denke, wenn wir malen, legen wir nicht nur Spuren und Tinte auf ein Papier, sondern vielmehr spiegeln sich unsere Kultur und unsere Geschichten, Gefühle drauf wider. In Lissabon sind wir eng mit der Mythologie unserer Stadt verbunden. Laut unseren Liedern ist Lissabon eine Frau. Dies ist eine sehr alte Vorstellung, die aus der Antike stammt. Auf diese Art und Weise versuche ich in meinen Bildern, das Gefühl einer Person zu vermitteln – einer Stadt, die sich bewegt, wenn wir vorbeigehen, die ihre Stimmungen hat, genau wie wir. Meine Galerie ist auch mein Atelier, wo ich den Tag mit Malen, vor allem mit Aquarellmalerei verbringe. Auf diese Weise habe ich eine sehr direkte Beziehung mit der Öffentlichkeit. Es ist sehr gut, sich mit Menschen aus so unterschiedlichen Ländern wie Argentinien, Deutschland oder China austauschen zu können. In diesen täglichen Dialogen sind vor allem junge Leute immer wieder eine gute Überraschung.
Es war ein französisches Pärchen, das aussah, wie die Schauspieler aus den 50er Jahren. Wir hatten eine gute Unterhaltung mit viel Gelächter. Nach einer Weile nahm er ein Bild mit Blick auf Santa Luzia, einem Aussichtspunkt. Sie erzählten mir ganz aufgeregt, sie hätten eine Wohnung gemietet, von wo sie aus dieselbe Aussicht hätten. Am nächsten Tag standen sie auf dem Bürgersteig vor meinem Laden und wollten sich nochmal verabschieden. Mit theatralischen Gesten erzählte mir der Herr, dass sie das Gemälde so sehr geliebt hatten, dass er es aus der Verpackung holte und es an die Wand der Wohnung hängte. Und ich schrie: »J ’adore!«. An diesem Morgen, nach einem Monat, kam wieder eine Französin mit ihren Kindern in den Laden. Sie erzählte mir, dass sie sich eine Wohnung gemietet hätte, die ein Bild von mir an der Wand mit Blick auf Santa Luzia habe ... Nun verstand ich die ganze Geschichte des Gemäldes.
Ein Australier kam schnell wie ein Pfeil geschossen in den Laden rein. »Ich will die Kachel im Fenster haben!« Als ich ihm die anderen zeigte, gab er ein tiefes »Oh, shit!« – Oh, shit ist ein alter australischer Ausdruck, der in diesem Fall übersetzt werden kann durch »Ich war fest entschlossen, diese eine Fliese zu kaufen und jetzt sehe ich, dass alle Fliesen von Maria João Peres wunderschön sind und jetzt kann ich mich einfach nicht entscheiden«.
Gestern hat ein kleines Mädchen, Beatriz, in meinem Laden Zuflucht vor der warmen Sonne gesucht, während ihr Vater Sachen trug. Sie ist gerade in die 2. Klasse gekommen und auf meine Frage, ob sich alle in ihrem Klassenzimmer gut benahmen, sagte sie ja. Alle, außer einem Schüler. »Aber er ist ein besonderes Kind«, beeilte sie sich zu rechtfertigen. Ich realisierte, was sie meinte oder besser gesagt, was die Lehrer den Kindern so einläuteten, aber ich fragte sie, »Und du bist es nicht?« Sie schaute mich nachdenklich an und sagte, »Wir sind nur etwas Besonderes für unsere Eltern, aber er ist etwas Besonderes für alle.« »Naja, weißt du? Für mich sind alle Kinder etwas Besonderes«, meinte ich dann zu ihr. Ich hoffe, ich habe sie damit nicht zu sehr verwirrt ... aber manchmal sind die Grundlagen, die wir Menschen schaffen, einfach verwirrend und nicht richtig, D E N N J E D E S K I N D , J E D E R M E N S C H I S T E T W A S B E S O N D E R E S .
Ich möchte irgendwann in lauter bunte Alben blicken, die mich an schöne Zeiten erinnern
Ich habe es endlich geschafft, Urlaub zu machen und in dieser Zeit mein Handy wegzulegen. Hab es so weit von mir weggelegt, dass ich es manchmal nicht mal mehr finden konnte. So weit, dass ich es nun irgendwie nicht mehr so richtig schaffe mit diesem Zeitfresser zu leben.
POV —
ich habe es endlich geschafft, Urlaub zu machen und in dieser Zeit mein Handy wegzulegen. Hab es so weit von mir weggelegt, dass ich es manchmal nicht mal mehr finden konnte. So weit, dass ich es nun irgendwie nicht mehr so richtig schaffe mit diesem Zeitfresser zu leben.
Vor dem Urlaub war es nämlich so: ich habe mich selbständig gemacht als Grafikdesignerin. Bin mit meinem Freund zusammen gezogen und habe einen Van gefunden. Ergo, ich war nonstop auf Instagram & Co., um Inspiration zu finden. Habe mich mit anderen Designern verglichen. Habe mich von all den super modernen und stilvollen Einrichtungen beeinflussen lassen. Wollte dies haben. Wollte das haben. Ich war in einem Rausch gefangen und konnte Stille nicht ertragen. Wirklich, es fiel mir richtig schwer mal zu entspannen und nichts zu machen. Generell bin ich eher Typ: Macher. Aber da hat es sich irgendwie durch den Umzug und durch meine Selbständigkeit nochmal zugespitzt. Ich war so im Rausch, dass ich es nicht mal gemerkt habe, wie tief drin ich stecke.
Unter Einfluss
Und dann kam der Urlaub. Mein Freund und ich sind mit dem Van nach Polen an die Küste gefahren, um die letzten Sommertage aufzusaugen. Nochmal die Chance haben, uns vom Sommer zu verabschieden, bevor wir dann noch für ein paar erste herbstliche Tage zu meinem Vater fuhren. Urlaub ist ja bekanntlich dazu da mal zu entspannen. Dem Alltag zu entfliehen und das zu machen, was man eben im Alltag nicht schafft. Für mich war es der Drang danach einfach mal das Handy wegzulegen. Also legte ich es weg und entfernte mich so sehr davon, dass ich es am liebsten weggeworfen hätte. Ich wollte nicht mehr die ganze Zeit funktionieren müssen, erreichbar sein müssen, mich präsentieren müssen. Nein. Ich wollte einfach nur so sein. Ich wollte wieder die kleinen Momente bewusster genießen. Wie schön, war es auf dem Campingplatz inmitten von Pinien zu sitzen und einfach hoch in die Bäume zu schauen. Den Sonnenuntergang am Meer zu genießen. Es war so so schön. Und doch holte mich die Realität schnell wieder ein. Denn als wir am Strand saßen und um uns herum blickten, waren Handys so weit das Auge reichte. Eine Influencerin im weißen Kleid durchnässt vom Wasser tanzte und posierte vor dem Sonnenuntergang. Ein Pärchen machte die ganze Zeit Fotos, während ihr Hund nach Aufmerksamkeit ächzte. Auch ich fühlte den Drang, den Sonnenuntergang aufzunehmen, um ihn dann später auf Instagram posten zu können. Aber wieso? Damit ich zeigen kann, wie schön ich es habe? Und wie erschreckend ist diese Feststellung bitte? Mir wurde plötzlich bewusst, wie sehr ich unter dem Einfluss von Social Media stehe. Am nächsten Tag lies ich das Handy zum Sonnenuntergang im Auto. Ich wollte damit aufhören.
Tabula rasa
Ich will vor allem meine Perspektive ändern. Denn die Fotografie begleitet mich schon seit meinem 15. Lebensjahr und ich liebe es einfach schöne Dinge festzuhalten. Und ich liebte es schon früher als Kind mit meinem Vater seine ganzen gedruckten Fotos immer und immer wieder durchzuschauen. Mich prägt das Gefühl von Fotos umgeben zu sein. Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, in der Küche, im Bad, im Auto – einfach überall. Doch mich soll nicht in zwanzig Jahren das Gefühl prägen, dieses Gefühl verloren zu haben, weil die Fotos nur noch auf dem Handy und Social Media zu finden sind. Ich möchte irgendwann in lauter bunte Alben blicken, die mich an schöne Zeiten erinnern. An Zeiten, in denen ich nicht abgelenkt war durch den Bildschirm. Sondern Zeiten intensiver Gefühle. Und intensiv fühlen, kann ich erst wieder, seitdem ich mich von meinem Handy distanziert habe. Ich habe das Gefühl Tabula Rasa machen zu wollen. Irgendwie den Sprung wagen, raus aus dem Social Media Dschungel hinein in mein Innerstes. Doch wie schafft man das in einer Zeit der wachsenden Digitalisierung, in der man sich fast ein Leben ohne Handy & Co. nicht vorstellen kann? Und wie erschreckend ist dieser Gedanke?
Seit dem Urlaub versuche ich möglichst wenig ans Handy zu gehen und wenn ich mich doch mal erwische, in der Scrolling-Falle gelandet zu sein, schalte ich es aus und lege es weg. Aber mich beschäftigt der Drang, komplett damit aufzuhören. Ich merke in letzter Zeit, wie wohltuend es ist, nicht ständig darüber nachzudenken, was ich posten soll, wie es wohl ankommen wird und ob es zum restlichen Look passt. Plötzlich ist da viel mehr Zeit Dinge zu tun, die ich sonst nicht getan habe. Ich gehe morgens zum schwimmen statt morgens im Bett mit Handy liegen zu bleiben. Lese am Abend die Bücher, die ich seit langer Zeit lesen wollte. Die Spaziergänge mit Theo (mein Hund) erlebe ich viel intensiver. All das, was ich gerade durch die gewonnene Zeit erlebe, möchte ich nicht mehr vermissen. Ich fühl mich so sehr im Jetzt, wie schon lange nicht mehr. Genieße auch einfach mal nichts zu tun. Ohne das Gefühl, etwas zu verpassen. Weil ich nicht mehr sehe, was ich verpassen könnte. Ich sehe da nur noch meine Bedürfnisse, die ich sonst nicht fühlen konnte. Ich liebe diesen Zustand so sehr, dass ich mehr davon erfahren möchte. Und darüber möchte ich schreiben. Schon immer war das mein Wunsch, das, was ich im Alltag erlebe und denke, was ich in Fotografien festhalte, auch wörtlich festzuhalten. Und ja, vielleicht auch damit zu inspirieren.
Fühlte nun alles und wollte alles fühlen.
Dich, ihn, sie oder niemanden. Aber ich möchte nicht länger warten. Denn Schreiben erfüllt mich. Schon immer.
Dich, ihn, sie oder niemanden. Aber ich möchte nicht länger warten. Denn Schreiben erfüllt mich. Schon immer.
Deswegen hab ich mir in meinen Jugendjahren ganz auf Klischee eine Schreibfeder tätowieren lassen – mit einer 03, denn in diesem Jahr fing die Liebe zum Tagebuch schreiben an. Denn das Schreiben hat mich gerettet, während es Zuhause nicht so gut lief. So habe ich Platz geschaffen für meine Gedanken und Gefühle und konnte weitermachen.
Erst vor einiger Zeit fing ich dann an, auch ganz ehrlich über meine Gedanken und Gefühle mit anderen zu sprechen. Darüber, wie ich was erlebt habe. Was ich für Erfahrungen gemacht habe. Und je mehr ich teilte, desto mehr bekam ich zurück. Sich öffnen macht Platz im Inneren. Das habe ich schon beim Tagebuch schreiben damals gemerkt. Aber Dinge aussprechen? Das macht erst richtig Platz.
Doch woher soll man das wissen? Wie soll man das schon richtig machen, wenn man es nicht gelernt hat? Wenn man nicht gelernt hat, wie richtige Kommunikation funktioniert. Entweder wurden Dinge wegignoriert oder es ging so richtig zur Sache. Und so spinnte ich diesen Faden in meiner letzten Beziehung fort und redete auch nicht. Machte Dinge mit mir selbst aus. Und der Platz verschwand immer mehr. Der Stift blieb liegen. So lange, bis ich nichts mehr fühlte.
Doch ein wenig fühlte ich dann zum Glück doch noch. Fühlte, dass es so nicht weitergeht. Dass ich es ändern möchte. Dass ich es besser machen möchte. Und so legte ich den Faden beiseite. Ich fing an mich mitzuteilen. Ich fing an zur Therapie zu gehen. Öffnete mich immer mehr. Reflektierte. Schaffte wieder mehr Platz. Fing wieder an zu fühlen. Fühlte nun alles und wollte alles fühlen. Auch die nicht so schönen Gefühle. Was natürlich nicht immer einfach ist. Aber die Arbeit lohnt sich, denn jetzt stehe ich an einem Punkt in meinem Leben, wo ich so sehr bei mir bin, wie noch nie. Ich habe nun Freunde und einen Partner, mit denen ich über alles reden kann – ohne Scham. Weil ich mich traue. Weil ich gelernt habe, dass jeder seine Päckchen zu tragen hat. Weil ich gelernt habe, dass die Päckchen leichter werden, wenn man sie teilt.
Und weil ich das gelernt habe, möchte ich nun auch meine Gedanken und Erfahrungen online veröffentlichen. Vielleicht weckt’s ja Interesse. Vielleicht helfe ich sogar mit dem einen oder anderen Tipp weiter (und wenn es so ist, lasst es mich gerne wissen!). Na, und vielleicht weckt’s auch kein Interesse. Tja, dann – wen interessiert’s schon? Das ist dann voll ok. Aber Schluss mit Prokrastination aus Angst. Ich fang jetzt einfach an.
Sein oder nicht sein — Unsere Beziehung mit dem Handy
Nicht sein? Nicht morgens, mittags, abends, nach dem aufwachen, vor dem schlafen, beim gehen, beim warten, auf Klo, im Café, beim treffen am Handy sein?
Nicht seinNicht sein? Nicht morgens, mittags, abends, nach dem aufwachen, vor dem schlafen, beim gehen, beim warten, auf Klo, im Café, beim treffen am Handy sein?
Ja, momentan ist mir eher nach nicht sein. Denn vor kurzem schon ganz vergessen, wie es überhaupt ist, wenn man mal nicht online ist. Ja, vielleicht habe ich auch einfach gerade eine starke Anti-Phase. Wohin ich sehe, sehe ich gebeugte Köpfe. Junge Freundinnen, die draußen zusammen Zeit verbringen – am Handy. Ein Mann, der mit seinem Hund draußen ist – am Handy – und nicht merkt, dass sein Hund auf meinen zusteuert. Ein Pärchen im Wartezimmer eines Frauenarztes, vielleicht sogar ein aufregender Moment – aber beide am Handy. Je mehr ich hinschaue, desto mehr sehe ich. Desto mehr ekel ich mich.
Vor kurzem hatte ich ein prägendes Erlebnis. Eine Partnerübung auf einem Retreat, in der ich und eine mir relativ unbekannte junge Frau uns einfach nur ansehen sollten. Kurz vorher erzählte sie, wie sie sich nicht wahrgenommen fühlt von ihrer Umgebung. Alle sehen nur das Bild einer glücklichen, extrovertierten Frau. Weil es so auf Instagram zu sehen ist. Weil es vielleicht auf den ersten Blick immer so wirkt. Und sie sagt: Ich weiß gar nicht, wann mich jemand das letzte mal mit ehrlichem Interesse gefragt hat, wie es mir geht. Und so sehen wir uns dann eine Weile an. Und Tränen steigen auf. Ich bin überwältigt von dem Gefühl, loszulassen. Zu vertrauen. Und fange erstmal bei mir an.
Es ist scheinbar so selbstverständlich geworden, ständig erreichbar zu sein. Zu folgen, zu kommentieren, zu scrollen, zu liken. Das Bedürfnis zu haben, sich mitzuteilen. Ständig zu posten. Zu Posen.
Oder?Ich bemerke immer öfter, dass mir abends der Kopf rauscht. Dass ich wieder in einem Alltagtunnel feststecke. Dass mich ein unerklärlicher Druck stresst. Und mache einen Cut. Mehr ich, weniger Handy. Als ich eines Tages einfach so da liege, stelle ich fest: Ach ja, so fühlte sich Stille an. Mal wieder mein Inneres hören können. Und nicht mein Ego, dass immer wieder in die Falle tappt, sich zu vergleichen. Mehr von mir zu verlangen, als mir gut tut.
Mein Beruf verlangt es zwar, viel in der digitalen Welt zu sein, doch trotzdem versuche ich auch hier mich erst einmal zu distanzieren. Ich möchte versuchen mehr im Jetzt zu sein. Ehrliche, schöne Gespräche führen. Einfach mal auf meinem Teppich im Zimmer liegen und vor mich hin existieren. Träumen. Achtsam mein Essen genießen. In meiner Mittagspause Barfuß durchs Gras laufen. Langsamer und dadurch bewusster werden.
Sein Sozial vernetzt sein. Sich auf einfache Weise weiterbilden können. Inspiration finden. Die digitale Welt schafft unglaublich viele Möglichkeiten. Hat ganz klar ihre positiven Seiten. Auch ich genieße es, dass ich mich mit Freunden aus aller Welt austauschen kann. Dass ich einen Job ausüben kann, der mir ein flexibleres Leben schenkt.
Doch wie nutzen wir die Möglichkeiten? Nutzen wir sie achtsam und so, dass sie uns den richtigen Mehrwert geben? Oder sehen wir nur, was wir sehen wollen? Sehen, was wir nicht haben und uns vorgaukeln, dass wir es brauchen, so dass es uns besser geht. So, dass wir es dann der Welt präsentieren können.
In einer Phase der Stille merke ich immer wieder, dass weniger eben wirklich mehr ist. Und frage mich, was waren meine glücklichsten Momente? Überraschung: es waren Momente, in denen ich nicht am Handy war. Sondern als ich nur mit meinem Rucksack auf den Schultern wandern war. Mit meinem Freund draußen auf der Wiese Backgammon gespielt habe. Mit meiner besten Freundin beseelt die letzten Reste von dem Garnelensud mit Brot aufgesaugt habe. Momente, in denen ich mich an der Freude des anderen erfreut habe. Momente, in denen ich so sehr im Jetzt war, dass die Zeit gefühlt still stand.
Hand aufs Herz: wie viel seid ihr wirklich am Handy? Habt ihr die Kontrolle und schafft Balance? Oder braucht ihr auch mal wieder etwas Abstand? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.
// Alles meine eigene Wahrnehmung, meine Gedanken.
Von Unvollkommenheit und unerwarteten Begegnungen —
Porto, 8. April 2018 – 6:45 in einem Hostel. Ich stehe auf, müde und unmotiviert.
Porto, 8. April 2018 – 6:45 in einem Hostel. Ich stehe auf, müde und unmotiviert. Auch wenn ich es schon weiß, gehe ich zum Fenster und finde die Bestätigung in den Regentropfen, die ein Rennen an der Fensterscheibe veranstalten. Die Motivation sinkt. Und doch finde ich genügend Motivation erstmal duschen zu gehen. Also tapse ich den dunklen Gang entlang und springe unter die Dusche. Freudig, es geschafft zu haben, greife ich nach meinem Handtuch – ins Leere. Verdammt! Ich hab das Tuch im Zimmer vergessen. Na, fängt ja gut an. Also tapse ich in der Hoffnung, dass niemand aus seinem Zimmer kommt, mit nacktem Arsch und etwas Stück Stoff, das ich finden konnte, wieder den Gang entlang zurück ins Zimmer. Eine halbe Stunde später ist mein Kram zusammengepackt. Ich schlüpfe in meine vom Vortag nass gewordenen Wanderschuhe (weil ich mir unbedingt die Stadt ansehen wollte) und stülpe den Rucksack über meine Schultern. Nach etwa 100 Metern bleibe ich unter einer Markise eines Geschäfts stehen und frage mich: Was mache ich eigentlich hier?
So fing meine Erfahrung auf dem portugiesischen Jakobsweg an. Ein paar Monate zuvor rückte das letzte Semester näher und somit die Entscheidung, was das Thema meiner Abschlussarbeit werden sollte. Ich wusste, dass es ein Magazin werden würde. Und dass ich meine Fotografie auf irgendeine Weise mit einbinden wollte wusste ich auch. Mir kam die Idee, dass ich gerne zwar ein Reisemagazin machen wollte, aber nicht ein auf: tu dies, iss das, sieh dir jenes an. Sondern eine Art Länderportrait aus der Sicht von den Einwohnern und den Reisenden. Und weil es authentisch werden sollte und ich nicht viel Geld hatte, entschied ich mich also 240 km von Porto nach Santiago zu wandern.
Ich lernte einen Teil des Landes zu Fuß kennen. Kam ins Gespräch mit Einwohnern und Reisenden. Sammelte Eindrücke, Texte und Aufnahmen. Jeden Tag die gleiche Routine. Jeden Tag in den Tag hineingelebt. Jeden Tag mein Rucksack, neue Erkenntnisse und ich.
Oft haben wir das Gefühl, als wären wir von einem Tag in den nächsten gesprungen, ohne ihn richtig bewusst wahrgenommen zu haben, was so viel bedeutet, wie ein weiteres Datum in unserem Kalender, ohne besondere Bedeutung. Doch eben im alltäglichen Leben passieren diejenigen zufälligen Begegnungen, die alles verändern können, wenn wir aus dem Tunnelblick auftauchen.
Mich prägen einige Geschichten bis heute. Ein Mann, der einen Motorradunfall hatte mit Prognose nie wieder lauffähig zu sein, erzählte mir, wie er seine Hoffnung nicht aufgegeben und es geschafft hat. Eine ältere Frau, der gekündigt worden ist und wie sie dadurch ihren Traum verwirklicht hat, ein kleines Künstleratelier zu eröffnen. Und auch meine eigenen Strapazen beim wandern prägen mich bis heute. Ich lernte jeden Tag dankbar zu sein, es geschafft zu haben, trotz schmerzender Füße und Muskelkater. Freute mich über die kleinen Dinge im Leben. Freute mich über das Gefühl von Verbundenheit mit mir fremden Menschen. Die Bereitschaft sich gegenseitig zu helfen. Die eigene Energie zu feiern.
Und ich lernte meine beste Freundin kennen. Einen Menschen, ohne den ich nicht mehr leben möchte. Ich erinnere mich noch immer an den Abeschied und wie ich am Vortag diese besondere Fliese entdecke, doch war mal wieder zu sparsam war, sie mitzunehmen. Am frühen Morgen bereute ich aber schon die Entscheidung und wollte auf dem Weg nochmal zum Geschäft, doch es war leider noch geschlossen und öffnete zu spät, als dass ich hätte warten können. Denn beim wandern fängt der frühe Vogel den Wurm. Sprich wer zuerst in der Pilgerherberge eintrifft, ergattert einen Platz. Also zog ich traurig weiter und berichtete es meiner neuen Freundin. Ein paar Wochen später trafen wir uns dann in Hamburg und sie überraschte mich mit dieser Fliese. Was ein glücklicher Mensch ich doch bin.
Und so entstand peu à peu das Magazin. Ein Herzensprojekt, das ich noch nicht ganz aufgegeben habe und davon träume, es vielleicht eines Tages fortzuführen. Meine Inspiration sind Menschen und ihre Erlebnisse, Erkenntnisse und Ideen. Sie erfüllen mein Herz und ich möchte andere Herzen füllen.
Hier nun mal ein kleiner Eindruck. PS.: diese Arbeit ist von 2018. Klar, rückblickend hätte ich gerne einiges noch etwas anders angepasst. Und trotzdem. Ich bin stolz auf diese Arbeit und ich finde, wir sollten alle mal etwas öfter auf etwas stolz sein, das wir geleistet haben, auch wenn es nicht perfekt ist.
Das Vollkommene ist unmenschlich, denn das Menschliche ist unvollkommen.
— F E R N A N D O P E S S O A